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Flight mode

Eine eilige Frage von British Airways beantwortet zu bekommen könnte so einfach sein. Ein kurzer Anruf und – Wartemusik. Hin und wieder wird die Gitarre von Ansagen unterbrochen. Ich sollte doch Zeit sparen und online einchecken. Würde mal jemand rangehen, könnte ich noch viel mehr Zeit sparen. Und Nerven. Später werden die Vorteile des Punktesammelns aufgezählt. Warum nicht, wenn ich schon keinen Support kriege, dann lasse ich mich doch gerne zum Kauf von Firlefanz überreden. Das nicht existente Gespräch wird selbstverständlich zu Überwachungszwecken aufgezeichnet. Ignoranz made in Great Britain.

Oder Böswilligkeit. Denn mit etwas Paranoia lassen sich die Trollansagen auch anders deuten. Was macht eine Fluggesellschaft bei einem Zwischenfall? Wenn ein Flieger abstürzt oder auch nur zwanzig Koffer geklaut werden? Da muss sofort ein Notfallplan anlaufen: Die lästige Presse loswerden, die eigenen Mitarbeiter desinformieren, absperren, vertuschen. Die Servicehotline bildet das Zentrum. Den Anrufer gilt es zu beschäftigen, dann gibt er garantiert keine Informationen weiter. So können Notfälle effektiv nicht gemeldet werden.

Kamera, Notebook und Handy trage ich immer im Handgepäck, um den terroristischen Behören den Zugriff nicht ganz so leicht zu machen. Blöd natürlich, wenn Zoll oder sonstwer mit einem der Geräte in ein Hinterzimmer verschwindet. Ich überlege, dass ich in dem Falle in Washington DC Ersatz kaufen und die eventuell manipulierten Geräte zum Chaos Computer Club schicken werde. Zum Glück darf ich aber mit zum Gaschromatographen gehen und beobachten, wie ein Teil nach dem anderen geprüft wird. Anscheinend gibt es selbst bei „denen“ doch noch so etwas wie Transparenz. Zumindest hier in Berlin.

Ins Flugzeug geht es durch den mutierten Riesen-Monster-Schnorchel. Ein langer, beweglicher Tunnel. So müssen sich Wollmäuse beim Stabsaugen auch fühlen. Wenn irgendwann Dreck Rechte bekommen sollte, werden Staubsauger als erstes verboten. Aber um Menschen zu schleusen ist das die richtige Methode.

Drin

Die Maschine hat schon bessere Zeiten gesehen. Im Eingangsbereich verbogene Lüftungsbleche, überall kaputte Teppiche. Hier wurde einige Zeit nicht modernisiert. Den Luftauslässen in der Decke folgen lange graue Streifen. Aus den Schlitzen kommt feiner Nebel. Wenn warme Luft aus der Klimaanlage kommt, kondensiert die darin enthaltene Feuchtigkeit beim Austritt in den kalten Raum schlagartig und produziert die Wolken. Oder jemand speist einen bewusstseinsverändernden Stoff im Ansaugbereich ein. Was wahrscheinlicher ist. Der wabert nun durch den Flieger.

Zwei ältere Techniker mit dem Aussehen von arbeitslosen Bastlern im Keller schieben ihre ranzigen T-Shirts durch den Gang. Das Gegengewicht zum Bauch sind hinterm Rücken gehaltene Gewebeband-Rollen. Mit dem Panzertape wird hier ein Display geflickt und dort ein heruntergefallener Tisch provisorisch hochgeklappt. Die kaputten Gepäckfächer allerdings lassen sich mit Gewebeband nicht so schnell schließen, die bleiben offen.

Auch außen wird gewerkelt. Leute versuchen, die linke Turbine für den Flug fit zu bekommen. Laut Ansage der Crew soll das 20 Minuten dauern, was aber nur bedeutet, dass sie keine Ahnung haben. Das Warten wird nach einer Stunde vom Aufheulen des Starters am Triebwerk unterbrochen.

Bei Mobiltelefonen soll die Funkverbindung abgestellt werden. Was wohl passiert, wenn jemand nicht auf Flight Mode wechselt? Er wird wohl kaum durch sein Gequatsche die anderen Passagiere nerven, denn er hat eh keinen Empfang. Dass die Netzsuche die Boardelektronik stören könnte, glaube ich nicht. Die einzig vernünftige Erklärung ist, dass manche Telefone hin und wieder doch ein Netz finden, und das sollen die Gäste nicht bemerken. Schließlich ist die Reichweite in der Höhe ohne Störungen der Umgebung beachtlich. Eine fliegende Funkzelle könnte selbst aus 10km Entfernung noch verbunden werden. Wer würde wohl eine einrichten und warum?

Nach dem Start erlischen die Anschnallzeichen und gehen doch nicht aus, da sich manche bereits von ihrem Signalgeber verabschiedet haben und weiter leuchten. Als ob sie manchen Passagieren sagen wollen: „Steh nicht auf, sonst kommst du nicht zurück.“ Flugzeuge haben ja unter der Kabine viel Platz für dubiose Räume. Wenn man sich durch die Koffer wühlt und die Kontrollkammern erreicht, lässt sich sicherlich ein doppelter Boden betreten. Wenn man ihn findet. Und dann nie wieder gefunden wird. Vielleicht sollte ich beim Aufstehen immer meine Boardkarte auf den Platz legen um zu zeigen: Hier saß jemand. Eigentlich gehört ein Mensch auf diesen Platz. Ein paar Spuren zu legen kann nicht schaden. Ich schaue mich um, auf der Suche nach Anzeichen von Passagieren, die bei einer früheren Landung nicht ausgestiegen sind.

Im Grau der Dunkelheit zeichnen sich Bereiche mit vielen Schrauben auf den Tragflächen ab. Der Lack blättert hier besonders schnell. Nachdem die Farbe abgeplatzt ist, fallen wohl nach und nach die Schrauben heraus. Entlang jeder Unebenheit ziehen sich in richtung Heck lange schwarze Linien von Schmutz und Ignoranz. Nur ein paar gelbe Metallösen ragen sauber aus dem Blech. Wer auf langen Flügen sich außerhalb des Rumpfes die Beine vertreten will und gerne sicherheitsbewusst reist, leint sich an den Ösen an. Falls Monster auf dem Flugzeug herumlaufen, brauchen sie sicherlich kein Seil. Sie krallen sich einfach an den selben Halterungen fest. Sind die Wesen auf den Flügeln eigentlich immer friedfertig, oder versuchen manche den Notausgang einzuschlagen, um sich über die Menschen herzumachen? Es handelt sich wohl eher um Geister, die einfach draußen sitzen und den Fluggästen Schrecken einjagen. Wer das Spektakel nicht verpassen will, sollte sich für einen Fensterplatz entscheiden.

Die Existenz der Geister ist ebenso ungeklärt wie deren Gemüt. Tatsache ist, dass in den vergangenen Jahrzehnten so manches Flugzeug vom Radar verschwunden ist und trotz moderner Technik nie gefunden wurde. Es liegt nahe, dass diese Flugzeuge den Boden nicht erreicht haben. Sie fliegen folglich immer noch. Vielleicht tauchen sie hin und wieder zwischen den Wolken auf und grüßen die Piloten vorbeieilender Maschinen. Optisch sind diese Geisterflugzeuge von Maschinen der British Airways nicht zu unterscheiden. Die Menschen sind mittlerweile verhungert oder irgendwie dramatischer ums Leben gekommen. Um endlich zu landen, versuchen sie auf ein anderes Flugzeug umsteigen. So kommen die Geister auf die Tragflächen.

Sicherlich gibt es verschiedene Gründe, aus denen ein Fenster kaputt gehen könnte. Würden die Scheiben in dieser Höhe bersten, käme es zu dem Druckabfall, der in dem geschmacksfreien Video am Anfang erklärt wurde. Wo die offensichtlich leblosen Menschen keinen Gesichtsausdruck haben und wie Roboter nur ein paar mechanische Armbewegungen ausführen. Der Film erklärt nicht eindeutig, ob die Leute vor oder nach dem Druckabfall tot sind. Würde aber nun ein Fenster kaputtgehen, saugt der Unterdruck wohl erst einmal Rucksäcke und herumliegendes Zeug in die Nacht. Für diesen Fall sollte ich eine stabile Tasche griffbereit haben, die den größten Teil der Öffnung verschließt. Hier wird verständlich, warum selbst der billigste Flieger Klapptische an jedem Sitz hat. Beim „unwahrscheinlichen Fall eines Druckabfalles“ lösen sich die Tische automatisch aus ihren Verankerungen, damit sie gegen das Fenster gehalten werden können. Während Start und Landung müssen die Tische hochgeklappt werden. Aber in der kritischen Höhe nicht. Da ist es nämlich gut, die Platte bereits heruntergeklappt auf den Knien zu haben, um schnell reagieren zu können.

In 12km Höhe beginnen plötzlich mehr Anschnallzeichen als bisher zu leuchten. Nicht alle, aber die meisten. Es gibt Turbulenzen. Keine Ahnung, wie sie in dieser Höhe zustande kommen sollten. Viel plausibler ist doch die Erklärung, dass das Flugzeug die Turbulenzen erst erzeugt. Irgendwo im vorderen Bereich der Economy-Class, direkt an der Toilette, hat jemand mit seiner Spielzeug-Fernsteuerung auf 443MHz die Kontrolle übernommen und ist momentan noch mit der Trimmung beschäftigt, damit die Landung sanft von statten gehen kann. In der Hoffnung, dass es die Leute mit den Stinger-Raketen am Flughafenzaun nicht gerade auf uns abgesehen haben.

Epilog

In Washington DC werden die Koffer zur Abholung nicht zu einer Gepäckförderanlage gefahren, sondern zu allen. Auf sechs Bändern liegt das Gepäck aller ankommenden Flüge verteilt. Meine Tasche liegt aber nicht zwischen denen aus Peking oder Toronto, sondern erfährt eine merkwürdige Sonderbehandlung. Ich werde direkt nach der Einreise ausgerufen. Mir wird mulmig, meinen Namen als einzigen zu hören. Mein Koffer, und nur meiner, sei irgendwie falsch zugeordnet worden. Komischerweise war das dem Personal anscheinend schon beim Aussteigen bekannt. Nach einer Stunde kommt jemand, stellt wortlos einen Wagen mit meinem Koffer vor den Schalter von British Airways und verschwindet. Eventuell gab es wirklich nur ein logistisches Problem. Kann ja mal vorkommen in einer Branche, die sonst alles trackt und persönliche Daten international kopiert. Naja, bei anderen zu wühlen ist sicherlich spannender als in den eigenen Aufgaben.

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