re:publica 2016

Für mich war es die re:publica der Inspirationen, so viele Anregungen bekam ich.

Für Fefe war es die Synchron-Twitter-Wichs-Dauerwerbesendung in Berlin. Für Sascha Pallenberg einfach nur ein riesen Filz. Die Sponsoren Microsoft, Daimler, Eyeo (Addblock Plus) und IBM waren natürlich völlig daneben. Es war schön zu sehen, wie die Besucher und Keynote-Speaker die Ideale dieser Firmen zerpflückt haben. An sich ist es toll, die Community so gefestigt zu sehen, andererseits erschreckt es mich jedes Jahr wieder, wie durchwachsen die re:publica mit Business-Kaspern und Marketing-Selbstdarstellern ist.

Dieses Jahr gab es WLan, und auch O2 sorgte für ordentliches Netz. Das ist einen eigenen Absatz wert.

Das Gelände wurde nochmals erheblich ausgedehnt. Diesmal gehörte ein ganzer Park beim Gleisdreieck mit zur bewirtschafteten Fläche.

Im Zuge der Unter-Konferenz Fashiontech Berlin gab es einige spannende Mode-Designs zu sehen, zum Beispiel wirklich ästhetischen Schmuck mit LED-Beleuchtung. Leider gab es wie so oft im Design hinter der Fassade keinerlei relevante Anwendungen oder spannende Technik. Elektrotechnisch wurde nichts Brauchbares geboten. Bei Mode ist das aber auch nicht entscheidend, finde ich.

Lars Weiler mit dem Rufzeichen DC4LW hielt einen Vortrag über Amateurfunk. Erwartet hätte ich Beispiele längst verblasster Pioniertage von Funkamateuren, Hinweise auf die Überalterung der Amateure, Hiebe auf den Kommunikations-Konkurrenten Internet und Lobeshymnen auf die einzig wahre Art, sich mit Amateurfunk zu beschäftigen.

Die Realität sah ganz anders aus. Die Technische Universität Berlin unterhält mittlerweile eine Clubstation DK0TU. Lars selbst baut gerade beim Chaos Computer Club eine Clubstation auf. Es gibt Theorie-Kurse und Gruppen, die für weltweite Telegrafie in Parks gehen. Nicht schlecht.

Von den Quatsch-Talks möchte ich nur einen vorstellen: Gunter Dueck: Cargo-Kulte. Es geht darum, dass manche Dinge häufig passieren, wenn gleichzeitig etwas anderes passiert. Menschen beginnen dann das andere zu forcieren, damit das erste passiert. Zum Beispiel werden Likes auf Facebook gekauft, weil Marketing-Leute gesehen haben, dass Firmen mit vielen Likes beliebt sind. Oder sinnlose Doktorarbeiten werden geschrieben, weil Doktorarbeiten früher zusammen mit wissenschaftlicher Erkenntnis aufgetaucht sind. Das Problem ist, dass selten auf das Ergebnis geschaut wird, sondern nur kleine unsinnige Ziele verfolgt werden.

In einem Talk wurde Open Science angeschnitten. Das heißt, dass Forschungsergebnisse irgendwann zusammengefasst veröffentlicht werden. Vielleicht mit Glück auch rohe Messdatensätze. Wenn mal Methoden vor der Durchführung einer Studie veröffentlicht werden, fällt das unter Bürgerbeteiligung (Citizens Science) und ist eine Rarität. Andere Wissenschaftler werden offensichtlich selbst bei Open Science viel zu spät über Vorhaben informiert. Als Softwareentwickler bin ich es gewohnt, schon meine Konzepte auf Github zu veröffentlichen. Die Open Knowledge Foundation denkt bereits so weit wie die Softwareentwicklung schon ewig, findet aber scheinbar bisher keine nennenswerten Projekte.

Ein Highlight der re:publica war die Veröffentlichung von TTIP durch Greenpeace. Der Inhalt von TTIP war auf einen Schlag öffentlich, was eigentlich eine Sensation ist. Leider konnte Greenpeace nicht mal eine Infografik zeigen. Die Texte sind in schwer lesbaren PDF-Dokumenten. Die mediale Ausschlachtung wurde im Grunde komplett versäumt, statt dessen bearbeitete Greenpeace den Text nur nach ihrer eigenen politischen Agenda. Sehr schade. Zum Glück gibt es ein paar freie Projekte, die jetzt den Text durcharbeiten.

Für mich spannend zu sehen war ein Vortrag über große Büros, die gerade gebaut werden. Das Problem ist, dass immer weniger Mitarbeiter vor Ort sind, die Tische ungenutzt bleiben, Seminarräume fehlen und sich schwer Arbeitsgruppen bilden lassen. Die Modernisierung besteht darin, dass die meisten Leute keinen festen Tisch mehr haben. Arbeitszeit und Arbeitsort werden nach Vertrauen und nicht mehr nach Anwesenheit abgerechnet. Der Platzbedarf sinkt enorm. Gleichzeitig gibt es vier verschieden laute Bereiche. Im stillen Bereich kann konzentriert gearbeitet werden, etwas lauter sind Arbeitsräume für Gruppen, am lautesten geht es im Café mit Stehtischen zu. Dort können z.B. Kunden empfangen werden. Das Ergebnis ist, dass nun tatsächlich mehr Mitarbeiter wieder ins Büro kommen. Negativ scheint aber zu sein, dass die neue Flexibilität auch aus scheinbarer Freizeit Arbeitszeit macht und man nicht mehr abschalten kann.

In einem der vielen Talks über Bildung ging es um vierdimensionales Lernen (Four-Dimensional Education). Demnach ist theoretisches Wissen nur ein Aspekt einer Ausbildung. Man sollte in der Schule auch lernen einen Artikel zu schreiben, eine Steuererklärung auszufüllen oder turnen zu können, kurz: Anwendungsbezogenes Können muss genauso trainiert werden und ist wohl in Finnland der Schlüssel für grandios gute Schüler bei gleichzeitg minimaler Stundenzahl.

Netterweise bekam ich ein 180°-Bild von mir. Es besteht aus 16 Einzelbildern. Der Fotograf hat auch eine Kamera, die sogar aus 52 Richtungen gleichzeitig fotografiert. Man müsste zwischen den Einzelbildern mit einer Kantenerkennung automatisch morphen, so dass jeweils 14 Zwischenschritte entstehen. Daraus könnte ein Video zusammengesetzt werden, das alle 15 Bilder ein Original-Foto als Keyframe hätte. Man könnte das super flüssige Video ganz normal anschauen oder durch Spulen interaktiv machen. Leider ist es momentan wohl schwer möglich, zwischen den Fotos automatisch zu morphen. Man müsste die gleichen Teile im Bild schon auf allen Fotos manuell markieren.

Anmerkungen zu den Fotos: In einer der vielen Discokugeln konnte jeder Musik machen. Draußen wurden aufblasbare Pflastersteine bei einer Demo-Übung geworfen. In zwei 360°-Kuppeln konnten entspannt Filme geschaut und auch eigene Kreationen in WebGL präsentiert werden.

PHP mail() aktivieren ohne Mailserver zu betreiben

Jeder gute Linux-Server hat einen eigenen Mailserver. Außer, man ist die Konfiguration leid. Als Admin möchte man nicht freiwillig Ports öffnen, über Verschlüsselung nachdenken und umfangreiche Tests durchführen, wenn die Maschine sowieso nie eine Mail über SMTP bekommt.

Handelt es sich um einen Webserver, werden darüber schon mal Mails verschickt. Hier ein Passwort, da eine Benachrichtigung. Um das zu ermöglichen, kann man in jede Webseite einen SMTP-Client einbauen, der sich mit Google Mail oder irgend einem anderen externen Server verbindet und ihm die Post zum Versand gibt. Das ist bei den meisten Foren und Blogs überhaupt kein Problem.

In PHP5 gibt es allerdings eigentlich einen Befehl mail(), der Mails annimmt und sich selbständig um den Versand kümmert. Diese Schnittstelle zu verwenden erscheint mir ordentlicher als immer SMTP-Clients zu verbauen.

Installation

Erst einmal (unter Ubuntu 15.10) einen wirklich kleinen Sendmail-Ersatz installieren. msmtp tut nichts anderes als Mails über einen Shell-Aufruf so anzunehmen, wie es früher Sendmail getan hat, und sie per SMTP weiterzugeben.

sudo apt-get install msmtp

Konfiguration

In der /etc/php5/apache2/php.ini gibt es eine Sektion [mail function]. Dort werden die folgendenden beiden Direktiven ausgeüllt:

sendmail_path = "/usr/bin/msmtp --logfile /var/log/msmtp.log -a gmail -t > /var/log/msmtp2.log 2>&1"

mail.log = /var/log/php-mail.log

Um die Fehlerbehebung zu erleichtern, habe ich drei Log-Dateien vorgesehen. Zusätzlich werden Fehler in der allgemeinen error.log von Apache2 protokolliert. Bei Problemen sollte in allen vier Dateien nach Hinweisen gesucht werden. Die neuen Dateien werden für den Webserver beschreibbar gemacht:

sudo touch /var/log/msmtp.log
sudo touch /var/log/msmtp2.log
sudo chmod a+w /var/log/msmtp.log
sudo chmod a+w /var/log/msmtp2.log

Der Sendmail-Befehl oben verwendet den Parameter -a gmail. Damit wird der Account gmail verwendet. Einzustellen ist er in einer Datei /etc/msmtprc.

account gmail
tls on
tls_certcheck off
auth on
host smtp.gmail.com
port 587
user formmail@netaction.de
from formmail@netaction.de
password 12345abcde

Test

Das war es schon. Nochmal schnell ausprobieren und dann PHP mail() verwenden.

echo -e "Subject: Test Mail\r\n\r\nThis is a test mail" |msmtp --debug -a gmail -t schmidt@netaction.de

Newsletter

Ich bin mir nicht sicher, ob der msmtp für Newsletter geeignet ist. Wahrscheinlich nicht.

Schreiben gegen die Leser

Beim letzten Bahnstreik schrieb der Focus einen Kommentar, warum die Lokführergewerkschaft GDL nicht lange streiken wird „Weselsky verzockt sich! Fünf Gründe, warum er einlenken muss.“. Die waren populistischer Unsinn und ohne handfester Anhaltspunkte, aber das kennt man vom Focus seit Jahrzehnten. Am nächsten Tag wurde das Streik-Ende bekannt. Der Focus schrieb den Artikel in die Vergangenheitsform um, nahm einen Grund raus und hatte nun vier Gründe, aus denen der Streik beendet wurde unter dem Titel „Vier Gründe, warum Weselsky der Schlichtung zustimmen musste“. Die Redaktion machte sich nicht mal die Mühe, die Web-Adresse zu ändern, die lautet immer noch „fuenf-gruende-warum-er-einlenken-muss“ (Screenshot). Beim Focus mangelt es also nicht nur an der Recherche, sondern die Redaktion versucht aktiv, Müll in die Ticker zu drücken.

Interessant ist, dass mit der Meinung der Bahn und der Bahnkunden berichtet wird. Es hätte genauso gut ein Artikel über Arbeitsbedingungen und Lohngefälle werden können. Als einziger Name des Bösen wird der Gewerkschafts-Chef genannt. Warum hat der Focus nicht die Bahn-Vermittler und ihre Methoden beleuchtet?

Community

Anderes Beispiel. Wer Schokolade isst, bleibt schlank! titelte die Bild und druckte darunter einen PR-Werbetext. Auch der Focus lies sich die Story natürlich nicht nehmen, hundert andere Blätter folgten der Vorlage. Inhalt war in den Beiträgen natürlich nicht zu finden. Dafür trugen die Kommentatoren unter den Artikeln viele Informationen zum Thema zusammen. Etwa dass die Webseite des zitierten Institutes keine drei Monate alt war. Oder dass die Studie keinen Zusammenhang zwischen Schokolade und Abnehmen herstellt, sondern nur eine zufällige Korrelation findet.

Trolle

Natürlich muss man von einem Journalisten voraussetzen, dass er das Alter einer Webseite prüft und einen Wissenschaftler auf die Studie schauen lässt, wenn er sie nicht versteht. Aber selbst wenn er sorgfältig recherchieren würde, liefert die Community auch Fallbeispiele, weitere Blickwinkel und Mediendaten, die eine Redaktion niemals alleine bekommen könnte. Nur nutzt keine News-Seite diese Ressource sinnvoll. Statt dessen werden die Autoren von Pöbel-Kommentaren unter miesen Artikeln als Trolle beleidigt, während sich die feinen Schreiber teilweise immer noch als Qualitätsjournalisten bezeichnen. Gerade erst bemitleidete sich der Tagesspiegel für Lügenpresse-Vorwürfe.

Dabei sieht sich die Community der vermeintlichen Trolle gar nicht so ernst, sondern kann auch über sich selbst lachen. Und sie schreibt höflich brauchbare Inhalte, sobald ein Artikel weniger Grütze enthält.

Lösung

Redakteure von News-Seiten sollten mit ihrer Community zusammen ihre Artikel schreiben. Sie können weiterhin PR-Müll wiederkäuen und ihre Berichte von Blogs kopieren, um mit ihrem Namen und ihrer Geschwindigkeit bei den Aggregatoren (Google News) ganz oben zu stehen. Aber dann müssen die Redakteure wenigstens Kommentare lesen und sofort berücksichtigen. Wenn ein neuer Artikel zum Thema kommt, muss vom alten auf diesen verlinkt werden, so dass eine Story und keine Artikel-Halde entsteht. Und wenn kein ganzer Artikel folgt, sollten Updates erklären, was aus dem Thema geworden ist.

Um die Medien der User verwenden zu können, braucht die komplette Seite eine freie Lizenz. Diese ist auch die einzige ehrliche Motivation für die Community, denn sonst denken die Leute, ihnen würden ihre Inhalte weggenommen.

Dass News-Seiten möglichst schnell Artikel raushauen und nur einen Aspekt einer Geschichte erklären, ist als Format nicht schlecht. Sie sollten ihre eigenen Beiträge und die ihrer Community dann aber nicht wegwerfen, sondern je nach Feedback und weiterem Verlauf des Themas in richtung einer Reportage ausbauen. So, wie es die Leser mit ihren Kommentaren voranzutreiben versuchen.

Update 9. Juni 2015

Die Neue Züricher Zeitung schrieb einen Artikel über Hausautomation unter dem Titel Innovationen für den Hausgebrauch. In dem einzigen Kommentar darunter erkläre ich, warum eine entscheidende technische Aussage im Text nicht stimmen kann. Außerdem frage ich nach der Grundlage der Behauptung, die sehr offensichtlich direkt aus der Marketing-Abteilung des betroffenen Herstellers kommt. Eigentlich müsste der Autor jetzt seine Quellen prüfen. Und angeben. Das wäre das journalistische Minimum. Passiert ist gar nichts.

re:publica 2015

Wie jedes Jahr begeisterte mich die Internet-Vollschreiberinnen-Konferenz re:publica. Die Licht-Installationen, die Sitzlandschaften, die sphärische Musik sorgten schon beim Betreten für Gänsehaut.

Mein Projekt Hochschulwatch stellte Arne Semsrott von Transparency vor. Von der Datenbank habe ich die erste und nun auch die aktuelle Webseite gebaut.

Sehr sypathisch war mir der Youtuber LeFloid. Rechts im Bild ist Youtuberin Melissa Lee, die auch Mode macht.

Nervig fand ich allgegenwärtige sinnlose Reklame. Als ob sich Zigaretten irgendwie cool hipsterisieren ließen oder Virenscanner mit sexy Girls eine Daseinsberechtigung bekommen könnten, wurden solche Werbepartner zugelassen. Daneben bloggerfeindliche Regierungen und bloggerfeindliche Konzerne. Besonders störte mich die stumpfe Werbung bei der Session „Independent… and paid. Über Micropayment zum zahlenden Leser.“ Dabei ging es keineswegs um unabhängige Finanzierung, sondern um überflüssigen Bezahldienst, von dem man sich abhängig machen sollte. Dass es anders geht, zeigte die Session „Funktioniert community-finanzierter Journalismus in Deutschland?“ Dort war fast so etwas wie Respekt gegenüber der eigenen Leserschaft zu sehen. Zumindest wurden Kommentatoren nicht als Trolle beleidigt.

Marketing vs. Blogger: 1:0

Für meine neuen selbstgebauten Aktiv-Regalboxen wollte ich Beschriftungen fräsen lassen, damit sie irgendwie profimäßig aussehen. Im Online-Shop von Schildermaxe klickt man Schilder in einem echt gut gemachten Editor online zusammen. Da Aluminium und Acryl übertrieben teuer sind, entschied ich mich für Kunststoff. Bezahlen kann man mit Geld oder einem Blogartikel über den Lieferanten. Ich war nuttig genug, dem zuzustimmen.

Das Prinzip Ware gegen Artikel ist alt und gefällt mir immer wieder. Shops wie Amazon bereichern sich an den Testberichten anderer Leute. Viele andere löschen jegliche Kritik. Dagegen ist ein Blogartikel eine ehrliche, unabhängige Sache.

Ein paar Tage nach meiner Bestellung bekam ich statt eines Päckchens folgende Mail.

Hallo Thomas

Um dem Bloggerrabbat zu erhalten mussen sie zuerst einen Eintrag in deinem Blog über uns Schreiben, der mindestens einen Link, am besten zwei, auf folgende Seiten enthält: http://www.schildermaxe.de – mit dem Wort Schilder http://www.schildermaxe.de/schilder/türschilder – mit dem Wort Türschilder

Bitte Schreiben Sie einen Eintrag, dann können Wir die Schilder schicken!

OK, Deutsch ist nicht jedermanns Sache. Aber wollen die mich allen Ernstes erpressen? Was soll ich denn überhaupt zu den Schildern schreiben, wenn ich sie noch nicht habe? Meine Vermutung war, dass es hier nur um stumpfe Suchmaschinenoptimierung (SEO) geht und dem Betreiber der Text um die Links völlig egal ist. Aber so einfach ist es nicht. Es gibt genug bekloppte Blogs, die wegen ein paar Euro die Werbetexte 1:1 kopieren.

Das Marketing von Schildermaxe aktiviert erfolgreich Kanäle, die ansonsten kaum jemand nutzt. Respekt. Das Ergebnis ist ein Haufen Müll in deutschen Blogs. Ich erhöhe den Stapel hiermit um eins.

Update

Nach zwei Wochen fragte ich mal nach und bekam ein paar Tage später hübsche Plastikschildchen. Mit dem schicken Online-Editor und der abgesehen vom Support hohen Qualität kann ich Schildermaxe empfehlen.

re:publica 2014

Into the Wild war das Motto der diesjährigen Twittermädchen-Kuschelrunde re:publica. Der Fokus sollte nicht mehr auf Blogs liegen, und überhaupt wurde vieles versucht, um wilde, neue Ideen zwischen Politik und Internet zu entdecken. Desinteressierte Professorinnen mit überfrachteten, lahmarschigen Vorträgen wurden endlich ausgeladen, auch mussten sich Ministerien und Staatsfernsehen ein bisschen mehr Mühe geben, um eine Bühne zu bekommen.

So richtig glücken mochte der Umschwung allerdings nicht. Die alten Gesichter saßen weiterhin mit Mateflaschen auf Plastikstühlen zwischen Dreierverteilern. Chucks, Hoodie, iPhone. Sie haben sich eingerichtet, und es muss schon mehr passieren als ein schönes Motto und unzählige Plastikbäume, damit die Vorträge etwas Neues bieten. Bis dahin wird Sascha Lobo weiterhin seine Kampf-Rede zur Lage der Nation halten, und der Rest verkommt im Unterhaltungs-Wiederkäu.

Das Urheberrecht ist die gesellschaftlich anerkannte Form von Zensur. Es muss weg. Es schränkt nicht nur die Kreativen ein, sondern die gesamte Bildung und politische Partizipation. Wir wissen es, es hilft nichts, wir hören es jedes Jahr wieder.

Petitionen sind moderner Ablasshandel. Jemand stellt sich mit maximaler Dreistigkeit in den Weg und fordert Klicks ein. Das bringt Spendengelder und Werbeeinnahmen. Das Klickvieh fühlt sich danach besser. Das Opfer, um das es eigentlich geht, nicht. Die Besucher der re:publica haben den Mechanismus längst durchschaut. Sie nehmen ihr Notebook vom Ladekabel, geben die Adresse der passenden Petition ein und unterschreiben für die Abschaffung sinnloser Petitionen.

Ein kleiner Lichtblick kam von Open Data City mit der Standardisierung einer Schnittstelle für Konferenzdaten. In einer vorgefertigten Struktur lassen sich für die nächsten Konferenzen Zeiten, Sprecher, Titel und so weiter eintragen. Die Webseiten und Apps für Konferenzbesucher können dann immer wieder verwendet und verbessert werden. Endlich kam mal wieder ein real existierndes Projekt, etwas Neues und Inspirierendes. Hoffentlich nicht mit dem Resultat, dass Konferenzen in Zukunft noch statischer in dieses Datenmodell gepresst werden.

Behinderte Bahn

Für Code for Germany habe ich eine Karte erstellt, auf der man sehen kann, von wo auf der Welt schnell ein Bahnhof erreicht werden kann – und wie sich die Situation ändert, sobald man im Rollstuhl sitzt.

Die Daten der Bahnhöfe stammen aus der API von OpenStreetmap. Wenn keine Informationen über Barrieren verfügbar sind, werden sie einfach grau dargestellt. Alle anderen sind blau. Aber sobald man oben rechts auf den Rollstuhl klickt, verschwinden viele Bahnhöfe wieder. Das sind die, zu denen nun kein Zugang mehr besteht. In Berlin sind nur kleinere U-Bahn-Linien betroffen. Ganz anders sieht die Situation in Paris aus: Es können nur noch ein paar Seilbahnen oder der Fernverkehr genutzt werden.

Zur Karte

Der Quellcode auf Github steht unter der MIT-Lizenz.

Mach SSH schneller!

In meiner Netzwerkfestplatte werkelt ein kleiner ARM-Prozessor Feroceon 88FR131 unter Debian. Er ist schnell genug für eine Shell und eine kleine Web-Oberfläche, aber zu langsam für moderne Crypto über große Datenmengen. Der SSH-Server bietet dem Client eine große Auswahl Algorithmen zur Kommunikation an und verständigt sich dann meist auf den zuverlässigsten. Bei mir blieben noch 5,6MB/s übrig, was mir definitiv zu langsam ist.

Also erstellte ich eine 400MB große Testdatei und kopierte sie mit verschiedenen Ciphern immer wieder übers Netzwerk.

$ scp -c aes256-cbc testfile 192.168.1.20:~
testfile       100%  401MB   5.1MB/s   01:19
Cipher Datendurchsatz
3des-cbc 2.5MB/s
aes128-ctr 6.1MB/s
aes192-ctr 5.4MB/s
aes256-ctr 5.0MB/s
arcfour128 11.1MB/s
blowfish-cbc 8.9MB/s
aes128-cbc 6.0MB/s
aes192-cbc 5.6MB/s
aes256-cbc 5.1MB/s
arcfour 11.1MB/s
arcfour256 11.1MB/s
cast128-cbc 8.4MB/s

Mehr als 11.1MB/s schafft das 100Mbit-Ethernet nicht. Da auch viele kleine Dateien schnell kopiert werden müssen, habe ich ein Verzeichnis mit 282 JPG-Bildern mit insgesamt 38,6MB angelegt. Beim Kopieren wurde wieder die Zeit gemessen. Mit dem voreingestellten Algorithmus dauerte es 7,4 Sekunden.

$ START=$(date +%s.%N)
  && scp -c blowfish-cbc -q test/* 192.168.1.20:~/test
  && END=$(date +%s.%N)
  && DIFF=$(echo "$END - $START" | bc)
  && echo $DIFF
5.343504576
Cipher 282 Dateien 40MB 2256 Dateien 300MB
aes128-ctr 7.4s 64s
arcfour128 4.4s 39s
blowfish-cbc 5.3s 47s
arcfour 4.4s 40s
arcfour256 4.8s 40s
cast128-cbc 5.6s 46s

Es sieht also so aus, als würden Blowfish, Arcfour und Cast das Rennen machen. Bei Arcfour sollte man arcfour256 bevorzugen. Dagegen scheint cast128 für nichts gut zu sein. Der Standard für schnelles SSH ist wohl Blowfish.

Um den Server auf Arcfour zu beschränken habe ich in der /etc/ssh/sshd_config folgende Zeile angehängt:

Ciphers arcfour256

Nach einem Neustart des SSH-Servers beträgt der Datendurchsatz statt 5.6MB/s nun 9.7MB/s. Mein Client-Notebook ist dabei nur zu wenigen Prozent ausgelastet, der Server zu 100%.

Das Einbinden der Netzwerkfestplatte geschieht übrigens nicht über Gnomes langsames und anfälliges gvfs, sondern auf Dateisystem-Ebene mit sshfs.

Synthese von Morse-Zeichen im Browser mit morseSynth

Die Geschichte des Telegrafie-Unterrichts ist so lang wie die des Morse-Codes. Im 19. Jahrhundert prägten sich die Telegrafisten die Bilder für jedes einzelne Morsezeichen ein. „·−“ hieß A, „’−···“ war ein B. Die Zeichen wurden auf eine schmale Rolle Papier gedruckt. Schnell wurde klar, dass der Melodie des Druckers zu hören viel einfacher war, als Punkte und Striche abzuzählen. Auf das Papier wurde bald verzichtet. Dafür konnte die Geschwindigkeit erhöht werden, so dass Dits und Dahs verschwammen. Die Telegrafisten achteten nur noch auf die Melodie der Zeichen oder ganzen Wörter. Morsen ist halt eine Sprache, die man zwar nicht sprechen, aber nur durch Hören lernen kann.

Es dauerte Jahrzehnte, bis Wissenschafter diese Erkenntnisse auch für die Lehre vorschlugen. Der Psychologe Ludwig Koch empfahl schließlich 1936, Morsezeichen von Anfang an mit hoher Geschwindigkeit zu lernen. Statt zu zählen kommt es auf den Klang eines Zeichens an, und den hört man nur, wenn ein Dit, also ein Punkt, weniger als 50ms dauert. Nach einigen Stunden Übung lassen sich so pro Minute bereits 25 Wörter aufnehmen, das entspricht etwa 150 Zeichen.

Zum Üben brauchte man immer seltener einen Kurs zu besuchen, denn es erschienen Schallplatten, Kassetten, CDs und Computer-Programme mit Übungen nach der Koch-Methode. Die letzte große Neuerung war mit LCWO der Online-Morse-Trainer. Man kann sich einfach an den Rechner setzen und sofort anfangen zu üben. Der Rechner kontrolliert die Ergebnisse, erstellt Statistiken und Rangfolgen. Nur eines gab es schon lange in keinem Morse-Kurs mehr: abgedruckte Morsezeichen.

morseSynth

Seit kurzem ist es mit der Web Audio API möglich geworden, Morsezeichen direkt im Browser herzustellen. Man kann in JavaScript die Wellenform, Frequenz, Lautstärke, Anstiegszeiten und sogar Störungen einstellen, die dann auf den Rechnern der Besucher synthetisiert werden. Auch verschiedene Signale gleichzeitig, wie sie bei hohem Andrang oft vorkommen, sind kein Problem. Um die Programmierung zu vereinfachen, habe ich die Bibliothek morseSynth geschrieben. Sie versteht sich mit reinem JavaScript genau so wie jQuery und anderen Frameworks. Im HTML muss nur die Bibliothek eingebunden werden, schon lassen sich Buttons zum Abspielen oder Anhalten auf der Seite verteilen. Das Signal lässt sich mit vielen Parametern einstellen.

Mir fallen einige Anwendungsmöglichkeiten ein. Ein Morsekurs liegt nahe. Man kann aber auch einfach auf einer Amateurfunk-Seite einen „geheimen“ Witz unterbringen oder besondere Bedingungen im Funkverkehr veranschaulichen. Es lassen sich ganze Bücher wiedergeben und dabei nur den Speicherbedarf der reinen Textdateien benötigen. Ich bin gespannt, ob die Bibliothek irgendwo mal genutzt wird.

Dokumentation und Download von morseSynth